Jerusalema-Song erbittet Gottes Schutz

Ein Song des Südafrikaners DJ Master KJ (Kgaugelo Moagi) und der Sängerin Nomcebo Zikode bringt derzeit die Welt zum Tanzen. Gerade in trüben Corona-Zeiten zaubert die Melodie von „Jerusalema“ Alt und Jung, Arm und Reich, Schwarz und Weiß ein Lächeln ins Gesicht.

Der gospelähnliche Song basiert auf tanzbaren elektronischen Beats, über denen die tiefe, voluminöse Stimme von Zikode zu hören ist. Im Text, der die Schönheit Jerusalems besingt, wird Gottes Schutz und Führung erbeten: „Rette mich … verlass mich nicht … geh mit mir.“  Den Text hat sie in ihrer Muttersprache isiZulu geschrieben, er drückt ihre eigene Sehnsucht aus, ihre Bitte an Gott: „Lass mich nicht hier, dies ist nicht mein Zuhause. Bring mich nach Jerusalema, wo ich Frieden und Glück finden kann.“ Mit ‚Jerusalema‘ ist ein spiritueller Ort gemeint, an dem man Frieden findet, es keine Sorgen, sondern nur Glück und fröhliche Menschen gibt.“

Gerade in diesen Corona-Zeiten sei das wohl auf Resonanz gestoßen, sagt der 24-jährige Musiker. In den sozialen Medien gibt es mittlerweile viele Videos von Menschen, die verzückt lächelnd zu den Rhythmen des Songs tanzen, wie das obige Videobeispiel zeigt. Die afrikanische Lebensfreude, die der Ende 2019 veröffentlichte Gute-Laune-Hit und die Tänze versprühen, traf in der einsetzenden Corona-Pandemie wohl einen Nerv und ist Ursache für die anhaltende Popularität: Mitte August haben bereits 80 Millionen Menschen das Video gesehen.

Die Choreographie kann auch mit ausreichender Corona-Distanz getanzt werden. Weltweit tanzen Menschen mit den gleichen Bewegungen auf der Straße, in Hinterhöfen, Quarantäne-Unterkünften, Kirchen, Slums oder Krankenhäusern.

„Der Lockdown bedeutet natürlich Stress“, erklärt Master KG“, Leute verlieren ihre Jobs und so weiter. Aber ausgerechnet in dieser Zeit zu erleben, dass sie zu unserem Song tanzen und für einen Moment ihre Sorgen vergessen, ist wunderbar. Es macht mich glücklich und noch kreativer.“

Hier drei von unzähligen Tanzvideos zu „Jerusalema“:

(Johannes Lerch 17.08.2020)

Durch verschlossene Tür zu den verängstigten Menschen

Immer wieder sind die Texte von Papst Franziskus für mich Inspiration und Anlass, tiefer zu schauen.

So auch sein Brief, den er dieses Jahr an die Priester in der Diözese Rom geschrieben hat. Darin beschäftigt er sich mit der Bibelstelle Johannes 20,19-22, in der Jesus durch die verschlossenen Türen zu den verängstigten Jüngern kommt, ihnen den Heiligen Geist schenkt und sie aussendet.

Daraus möchte ich ein paar Gedanken mit Euch teilen, weil sie gut zu unserer derzeitigen Corona-Situation passen.

„Obwohl es notwendig war, die soziale Distanzierung einzuhalten, hat dies nicht verhindert, dass sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit, der Gemeinschaft und der Mission verstärkte, was uns geholfen hat, dafür zu sorgen, dass die Liebe, vor allem gegenüber den am meisten benachteiligten Menschen und Gemeinschaften, nicht unter Quarantäne gestellt wurde.“

„Die Hoffnung hängt auch von uns ab und erfordert, dass wir einander helfen, damit sie lebendig und aktiv bleibt, jene ansteckende Hoffnung, die in der Begegnung mit den anderen gepflegt und gestärkt wird und die uns als Geschenk und Aufgabe gegeben ist, um die neue »Normalität« aufzubauen, nach der wir uns so sehr sehnen. Ich schreibe euch mit dem Blick auf die erste Gemeinschaft der Apostel, die ebenfalls Momente des Eingeschlossenseins, der Isolierung, der Angst und Unsicherheit durchgemacht hat.“

„Wir haben den plötzlichen Verlust von Familienangehörigen, Nachbarn, Freunden, Gemeindemitgliedern, Beichtvätern, Orientierungspunkten unseres Glaubens, erlitten. Wir haben die untröstlichen Gesichter derjenigen gesehen, die ihren Angehörigen in den letzten Stunden nicht nahe sein durften und sich nicht von ihnen verabschieden konnten. Wir haben das Leid und die Ohnmacht des Krankenhauspersonals gesehen, Ärzte und Pflegekräfte, die sich in nicht enden wollenden Arbeitstagen aufrieben, um die zahllosen Hilferufe zu beantworten.“

„Wir haben die Schwierigkeiten und Nöte der sozialen Einschränkungen gesehen und von ihnen gehört: Einsamkeit und Isolierung vor allem der alten Menschen; Sorge, Angst und das Gefühl der Schutzlosigkeit gegenüber der Unsicherheit in Bezug auf Arbeit und Wohnung; Gewalt und Zermürbung in den Beziehungen. Die uralte Angst vor der Ansteckung hat wieder zugeschlagen. Wir haben auch die beklemmenden Sorgen ganzer Familien geteilt, die nicht wissen, was in der nächsten Woche auf den Tisch kommen soll.“

„Die Merkmale des Virus bringen die Logik zum Verschwinden, nach der wir gewöhnlich die Realität aufgeteilt oder klassifiziert haben. Die Pandemie kennt keine Adjektive, Grenzen und niemand darf meinen, allein zurechtzukommen. Wir sind alle betroffen und beteiligt.“

„Persönlich und gemeinschaftlich gefährdet und getroffen in unserer Verwundbarkeit und Schwäche sowie in unseren Grenzen, ist die Gefahr groß, dass wir uns zurückziehen und weiter über die Trostlosigkeit nachgrübeln, die die Pandemie uns vor Augen stellt, oder dass wir uns auf einen grenzenlosen Optimismus versteifen, der unfähig ist, die reale Dimension der Ereignisse zu akzeptieren.“

„Als der Herr bei verschlossenen Türen in das Obergemach trat, mitten in Isolierung, Angst und Unsicherheit, in der sie lebten, war er in der Lage, jede Logik zu verwandeln und der Geschichte und den Ereignissen eine neue Bedeutung zu verleihen. Jede Zeit ist geeignet, Frieden zu verkünden, keine Situation ist seiner Gnade beraubt … Durch seine Gegenwart ist das Eingeschlossen-Sein fruchtbar geworden und hat der neuen Gemeinschaft der Apostel Leben geschenkt.“

„Wenn eine nicht fassbare Präsenz (das Virus) in der Lage war, die Prioritäten und eine scheinbar unverrückbare globale Agenda … durcheinanderzubringen und auf den Kopf zu stellen, dann wollen wir keine Angst haben, dass die Gegenwart des Auferstandenen uns den Weg bahnt, neue Horizonte eröffnet und uns den Mut gibt, diesen historischen und einzigartigen Augenblick zu leben.“

„Eine Handvoll furchtsamer Männer war in der Lage, eine neue Bewegung ins Leben zu rufen: die Verkündigung des lebendigen Gottes-mit-uns. Habt keine Angst!“

„Von seiner Seitenwunde her, Zeichen dafür, wie hart und ungerecht die Realität wird, möge er es sein, der uns drängt, der harten, schwierigen Realität unserer Brüder und Schwestern nicht den Rücken zu kehren.“

„Der Herr ist derjenige, der uns verwandelt, der sich unser bedient wie des Brotes, der unser Leben in seine Hände nimmt, uns segnet, uns bricht, uns austeilt und seinem Volk gibt.“

Den vollständigen Text, den ich Euch sehr ans Herz lege, findet Ihr unter diesem Link: http://www.vatican.va/content/francesco/de/letters/2020/documents/papa-francesco_20200531_lettera-sacerdoti.html

(Ludger Fest und Johannes Lerch 09.08.2020)

Geburtstag in Corona-Zeiten

Wie feiere ich meinen runden Geburtstag? Diese Frage hat mich lange umgetrieben, denn ich bin vor kurzem ein halbes Jahrhundert alt geworden und wollte gerne mit Freunden, Bekannten und Verwandten darauf anstoßen.

Bei größeren Feiern mit vielen Gästen ist man in der Regel sehr beschäftigt: Abgesehen von der ganzen Organisation und Logistik, hat man meist nur wenig Zeit, mit den Eingeladenen ausgiebig zu reden. Besonders schade ist das, wenn Menschen kommen, die man schon lange nicht mehr gesehen hat. Dann spricht man kurz bei der Begrüßung ein paar Takte mit ihnen und das nächste Mal vielleicht bei der Verabschiedung.

Doch Gott sei Dank sind große Feiern in Corona-Zeiten nicht mehr erlaubt. Derzeit darf man sich ja privat nur bis zu 20 Personen treffen. Was also tun?

Eine schöne Idee habe ich erlebt, als ich selbst auf einem Corona-Geburtstag eingeladen war: Alle zwei Stunden hat die Jubilarin andere Gäste bei sich zuhause begrüßt. Jeder hatte als Aufgabe eine kleine Überraschungs-Challenge für das Geburtstagskind vorbereitet, und es war genügend Zeit, sich mit jedem ausgiebig auszutauschen.

Eine weitere Idee habe ich von einer Corona-Hochzeit gehört: Das Brautpaar reiste mit Bollerwagen und Sektflaschen von Haus zu Haus und konnte mit allen einzeln feiern und sich von kleinen Darbietungen überraschen lassen – geht natürlich nur auf dem Dorf richtig gut.

Ich habe nun meine Gäste dazu eingeladen, sich bei mir zu melden und einen individuellen oder auch gemeinschaftlichen Termin zu vereinbaren. So begrüße ich schon seit 14 Tagen immer wieder liebe Gäste, in mal größeren, mal kleineren Runden. Oft grillen wir, mal gibt es ein Mittagessen oder eine gemütliche Kaffeerunde – mal mit Kindern, mal ohne. An einem Abend haben mir die Freunde sogar das komplette Essen mitgebracht, und von einem anderen Ehepaar sind wir zum Feiern bei ihnen zuhause eingeladen.

So habe ich viele schöne und persönliche Begegnungen und kann es wirklich richtig genießen – eine ganz neue Möglichkeit, dank Corona.

(Marion Lerch, 30.07.2020)

Corona sei Dank!

Keine Frage: Die Corona-Krise hat vielen Menschen Leid gebracht: neben den durch COVID-19 Gestorbenen, den gesundheitlichen Problemen der Infizierten gibt es auch viele, die unter den wirtschaftlichen Folgen leiden oder psychisch angeschlagen sind und zum Beispiel aufgrund von Ausgangsbeschränkungen große Einsamkeit verspüren. Aber in jeder Krise liegt auch eine Chance.

„Corona sei Dank“ hat neulich eine Freundin gesagt, weil ihre Tochter nicht in der Schule präsent sein musste und während ihrer Abwesenheit auf den kleinen Bruder aufpassen konnte. Ja: Es gibt auch positive Aspekte, die ich mal in den Blick nehmen möchte.

  • Ich empfinde es zum Beispiel als sehr angenehm, dass viele Termine ausgefallen sind. Eine wohltuende Entschleunigung! Endlich mal Zeit, wieder mehr im Garten zu arbeiten, (kein Wunder, dass der Absatz in den Baumärkten boomt) ein gutes Buch zu lesen oder mich mehr mit meiner Frau auszutauschen.
  • In einer Kirche unserer Nähe gibt es seit der Corona-Krise den ganzen Tag über Eucharistische Anbetung, wo wir täglich eine Stunde verweilen dürfen. Auch die vielen Livestream-Gottesdienste haben es uns ermöglicht, mehr Gottesdienste mitzufeiern als zuvor, und es gibt unzählige gute Predigten und Impulse im Internet.
  • Christliche Seminare wie Online-Glaubenskurse „Alpha“, Online-Angebote für Paare oder der Missionskurs „Mission Possible“ der Gemeinschaft Emmanuel können eine ganz andere Klientel ansprechen. „Mein Mann wäre nie zu so einem Seminar mitgegangen, aber mal eine Stunde vor den Bildschirm zu sitzen, ist kein Problem“, so die positive Reaktion einer Teilnehmerin.
  • Ein großer Segen ist für mich die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten. Kein Pendeln mehr zum Büro, keine Staus auf den Autobahnen, weniger Umweltbelastung, weniger Benzinkosten.
  • Die Umwelt dürfte insgesamt profitieren: Weniger Luftverkehr, geschrumpfte Industrie-Produktion, geringerer Energieverbrauch: Der weltweite CO2-Ausstoß aufgrund der Corona-Pandemie ist vorübergehend deutlich gesunken. Durch den Rückgang der menschlichen Aktivitäten wurden jetzt auch im Wattenmeer deutlich mehr Robben gezählt.
  • Und so kommt auch das Familienleben wieder in Schwung: Beim Mittagessen und beim Kaffeetrinken bin ich nicht in der Kantine, sondern zuhause und bekomme so viel mehr vom Leben meiner Kinder mit, auch vom Homeschooling oder dem Online-Musikunterricht.
  • Mit meinen Geschwistern und meiner Mutter haben wir jede Woche eine Videokonferenz, wo wir uns austauschen und erzählen. So viel Kontakt wie in den letzten drei Monaten hatten wir in den letzten drei Jahren nicht!
  • Insgesamt ist die Corona-Krise ein Turbo für die Digitalisierung und beschleunigt die digitale Transformation der Gesellschaft. Überall sprießen E-Learning-Angebote, Webinare oder Online-Beratungen aus dem Boden.
  • Eine sehr menschliche Komponente kommt hinzu: die praktizierte Nächstenliebe: Ich habe das Gefühl, dass in der Corona-Krise viel mehr Menschen sich besonders um die Schwachen, Alten und Kranken kümmern. Immer wieder erleben wir, wie es in der Nachbarschaft Angebote zum Einkaufen oder für kleine Fahrdienste gib, Besuche, Einladungen oder Anrufe bei einsamen Menschen.
  • Und verbindend ist auch, dass wir durch COVID-19 alle wieder ein gemeinsames Thema haben, bei dem jeder mitreden und seine Erfahrungen einbringen kann, denn jeder ist irgendwie betroffen und muss versuchen, das beste aus seiner Situation zu machen.

Lassen wir uns nicht von den vielen Negativ-Schlagzeilen verunsichern. Es gibt auch viele positive Entwicklungen: „Corona sei Dank“ oder „Gott sei Dank“?

(Johannes Lerch, 18.07.2020)

Ist die Maskenpflicht wirklich so schlimm?

Anfangs wollte keiner die Maske haben, mittlerweile wird sie als wirksames Schutzmittel vor einer Corona-Ansteckung anerkannt. Dennoch gibt es viele Maskengegner, die das überflüssig finden. Aber was ist eigentlich so schlimm daran, bei zu wenig Abstand eine Maske zu tragen?

Vor Kurzem habe ich über WhatsApp ein Video bekommen, in dem der Autor und Motivationstrainer Dr. Biyon Kattilathu unsere Vergangenheit mit den vielen schrecklichen Kriegen, Krankheiten und Toten vor Augen führt. Da ist die Pflicht zum Maskentragen und eine zeitweilige Ausgangsbeschränkung wirklich kein Grund, sich aufzuregen …

Hier der Inhalt des Videos:

Stell dir für einen Moment vor, du wärst im Jahr 1900 geboren.

Wenn du 14 Jahre alt bist, beginnt der 1. Weltkrieg und endet, wenn du 18 Jahre alt bist, mit 22 Millionen Todesopfern.

Kurz darauf beginnt eine weltweite Pandemie, die Spanische Grippe, mit 50 Millionen Todesopfern und endet, wenn du 20 Jahre alt bist.

Wenn du 29 Jahre alt bist, beginnt die Weltwirtschaftskrise mit dem Börsencrash in New York. Die Folge sind Inflation und Massenarbeitslosigkeit.

Wenn du 33 Jahre alt bist, gelangen die Nazis an die Macht.

Wenn du 39 Jahre alt bist, beginnt der 2. Weltkrieg und endet, wenn du 45 Jahre alt bist mit 60 Millionen Todesopfern. Im Holocaust sterben 6 Millionen Juden.

Wenn du 52 Jahre alt bist, beginnt der Koreakrieg.

Wenn du 64 Jahre alt bist, beginnt der Vietnamkrieg und endet, wenn du 75 Jahre alt bist.

Ein Kind im Jahre 1985 dachte, dass Oma und Opa keine Ahnung haben, wie schwer das Leben sei, doch die beiden haben bereits mehrere Kriege überlebt.

Heute befinden wir uns mit allen Bequemlichkeiten der modernen Welt in einer neuen Pandemie. Menschen beklagten sich, weil sie mal für ein paar Wochen das Haus nicht verlassen durften. Sie haben Strom, Handy, genug Essen, warmes Wasser und ein sicheres Dach über dem Kopf.

All dies gab es in früheren Zeiten nicht, doch die Menschen haben auch diese Zeiten überstanden und niemals ihre Lebensfreude verloren. Heute beklagen wir uns, weil wir im Supermarkt Masken tragen müssen.

Ein kleiner Perspektivwechsel kann Wunder wirken. Lass uns beide dankbar sein für die Zeit, in der wir leben, und lass uns beide alles tun, was uns gegenseitig schützt und hilft. Und ich finde, diese Botschaft muss um die Welt gehen, muss ganz viele Menschen erreichen. Wenn du das auch so siehst, dann hilf mir dabei und teile dieses Video jetzt mit deinen Freunden.

Schön, dass es dich gibt. Dein Biyon.

(Johannes Lerch, 23.05.2020)

Nähe und Distanz – Schnappatmung und neue Fragen

Wie ist das jetzt eigentlich mit dem Abstands-Gebot? Grade ist wieder mehr erlaubt, aber körperlichen Abstand halte ich nach wie vor – im Unterricht, im Gottesdienst, wenn ich Freunde treffe.

Bei der eucharistischen Anbetung habe ich mich kürzlich gefragt,  wie nahe ich eigentlich an Jesus herandarf. Muss ich da auch zwei Meter Entfernung halten? Wenn die verwandelte Hostie oben auf dem Altar ausgestellt ist, darf ich mich dann davor hinknien – mit ca. 1 Meter Abstand? Halte ich diese Nähe überhaupt aus? Über WhatsApp bekomme ich täglich Impulse zum Tagesevangelium, oft mit der Aufforderung, mich in die Szene hineinzudenken. Dann heißt es zum Beispiel: „Ich stelle mir vor, wie ich unter den Jüngern nahe bei Jesus sitze und seinen Worten lausche.“ Oder sogar: „Ich lehne meinen Kopf an Jesu Brust.“

Da bekomme ich Schnappatmung. Das würde ich mich NIE getrauen. Wenn Jesus jetzt tatsächlich auftauchen würde, hier in die Kirche hereinkäme mit anderen Menschen – wer bin ich, dass ich mich aufrecht ganz nah zu ihm hintrauen würde, mich sogar vordrängeln würde? Wahrscheinlich würde ich im sicheren (für mich sicheren) Abstand Deckung hinter anderen Menschen suchen (und zu ihnen keinen Abstand halten). Da bestünde überhaupt gar nicht die Gefahr, dass ich die 2 Meter zu Jesus hin unterschreite. Hmm, warum eigentlich? Dem sollte ich mal nachgehen …

Was wäre also, wenn Jesus jetzt hier leibhaftig hereinkäme? Halt! Ist er nicht schon da? Hier vor mir, in Gestalt der Hostie? Zumindest glaube ich das als Katholikin, mal eindeutig, mal verschwommen, mal nur im Bemühen. Das hatte ich vergessen. Komisch, dass ich hier keine Angst vor Nähe habe. Wieder Stoff zum Nachsinnen …

Nicht umsonst sind ja der Altarraum und der Tabernakel vom Rest der Kirche abgesetzt. Hier ist ja unser größter Schatz. Das Wichtigste, was es gibt. Hier ist der Herrscher der Welt! Sollte ich da nicht überwältigt und respektvoll Distanz halten, ein bisschen Schnappatmung inklusive?  Glaube ich also vielleicht doch nicht so richtig, dass er wirklich hier ist? Habe ich mehr Angst vor den Menschen als Angst vor Gott? Ist meine Furcht größer als meine Ehrfurcht? Neue Fragen dank Corona.

Auf jeden Fall hat Jesus die Nähe nie gescheut, das beruhigt mich. Den Aussätzigen, in strenger Quarantäne, hat er nicht im Abstand von zwei Metern geheilt, sondern ihn berührt. Die Frau, die an Blutungen litt und als Unreine niemanden berühren durfte, hat sein Gewand berührt – und er hat sich ihr zugewandt. Da wird er auch mein Problem mit Nähe und Distanz auf die Reihe kriegen. Auch deshalb bleibe ich hier, vor ihm.

(Bernadett Groß, 27.06.2020)

Wo der Geist schon kräftig wirkt

Um die Kraft des Heiligen Geistes müssen und sollen wir immer wieder neu bitten – aber kam und kommt er auch bei uns an? Ich lade Euch ein, den Blickwinkel zu wechseln: Lasst uns einmal rückblickend schauen, wo der Geist schon kräftig gewirkt hat oder auch noch wirkt – und vielleicht sogar durch jeden Einzelnen von Euch selbst!

Ich bin davon überzeugt, dass sich viele während der Corona-Krise in den letzten Wochen in ihrer Funktion und auf ihrem vorbestimmten Platz nach ihren Fähigkeiten so eingebracht haben, dass davon Betroffene nicht nur dankbar dafür sein konnten, sondern dass für manche von ihnen unser Einsatz wie das Wirken des Heiligen Geistes vorkam.

  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr als Arzt oder in einem anderen pflegenden Beruf für (Schwer-)Kranke bis zur Belastungsgrenze da wart.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr in politischen Ämtern oder sonstigen exponierten Positionen relevante Entscheidungen weiter vermitteln oder sogar in Eigenverantwortung selbst treffen musstet.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr in den sogenannten systemrelevanten Berufen für die Aufrechterhaltung der wichtigen Infrastrukturen gesorgt habt.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr in die Produktion und Vertrieb von Lebensmitteln involviert wart und damit die Versorgung der Gesellschaft sichergestellt habt.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr als Seelsorger oder als Ansprechpersonen in jeglicher Form der Lebenshilfe psychische und geistliche Stütze für Alleinstehende oder mit ihren Sorgen Alleingelassene geboten habt.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr Jüngere Euren älteren Nachbarn oder Bekannten praktische Hilfe angeboten habt, damit diese nicht unnötig ihr Zuhause verlassen mussten.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr in Eurer kleinen Zelle „Familie“ bedürftige Familienangehörige moralisch oder gar pflegend unterstützt habt, teilweise sogar abgetrennt von jeglichen externen Hilfen.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr im Vollzeiteinsatz für Eure Kinder präsent wart und – teilweise unter verschärften und eingeengten Verhältnissen – die Rolle des Lehrers, Trösters und Spielkameraden auf einmal übernommen habt.
  • Der Geist wirkte überall dort, wo Ihr die durch die Krise in Not geratene Mitmenschen finanziell entlastet habt, indem Ihr Eintrittskarten nicht erstatten ließet, Gastronomen durch Spenden oder vorzeitigen Kauf von Gutscheinen unterstütztet, oder sogar als Verpächter oder Vermieter auf die Euch zustehenden Zahlungen vorübergehend verzichtet habt.
  • Der Geist wirkte aber auch überall dort, wo Ihr einfach durch Homeoffice den Empfehlungen der Fachleute gefolgt seid, auf diese Weise öffentliche Räume und die Raumsituation an Eurem Arbeitsplatz entlastet und dadurch das Infektionsrisiko gemindert habt.
  • Und der Geist wirkt schließlich auch dort, wo Ihr – ob bei mehr oder weniger Einsicht – die Andersartigkeit dieses Jahres annehmt und den Verzicht, der bisher schon geboten war und noch kommen wird, akzeptieren könnt, egal wie schmerzlich er ist.

Seien wir uns also dessen bewusst, dass unser Handeln oft auch dann für andere ein Segen ist und be-geistern kann, wenn wir selbst denken: „Ich habe doch nur meine Pflicht getan …“

Wenn wir dieses Jahr an Pfingsten mit dem Ruf: Komm Heil‘ger Geist um dessen Beistand gebeten haben, uns zugleich aber bei dem Gedanken ertappen: Er kommt doch eh‘ nicht, dann lasst uns erstmal kurz innehalten und dem nachspüren, wo er vielleicht gerade in den letzten Wochen schon sehr wohl gewirkt hat und immer wieder wirkt – in meinem Leben durch andere, aber auch durch mich an anderen.

László Strauß, 02.06.2020

Pfingsten nach Corona

„Vor Pfingsten waren die Jünger in Quarantäne. Aber was passierte dann?“

Ein lustiges Video der Emmanuel School of Mission (ESM) zeigt, welche Freude der Heilige Geist schenken kann, wenn wir aus der Quarantäne in die Welt hinaus gesendet werden.

Johannes Lerch, 01.06.2020

Wir gehören zusammen! Komm, Heiliger Geist!

Foto: Dnalor 01/Wikimedia Commons/CC-BY-SA 3.0

Artikel I, 1, Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Genesis 1: Gott hat den Menschen geschaffen nach seinem Bild; männlich und weiblich. Einzigartig. Besonders. Begabt. Geliebt. Liebenswert. Gewollt. Gebraucht.

Du bist wichtig! Ich bin wichtig! Wir sind wichtig! Einzeln und als Gemeinschaft!

Eine Erfahrung des Menschseins ist, dass Menschen nicht glauben können, dass sie geliebt sind. Es hören wollen, dass sie gebraucht werden. Erfahren müssen, dass sie wichtiger Bestandteil eines Ganzen sind. Ein Leib, viele Glieder. Wo das nicht der Fall ist entstehen Minderwertigkeitsgefühle, Eifersucht, Unzufriedenheit, Gereiztheit, Streit. Muss das sein?

Pfingsten schenkt Leben! Pfingsten schenkt Frieden! Pfingsten schenkt Neuanfang! Pfingsten schenkt Wandlung! Pfingsten schenkt Gottes guten Geist. Mit dem Pfingstfest werden die Mauern der Angst, Selbstbezogenheit, Unsicherheit, Einsamkeit, menschlichen Begrenztheit, in denen die Jünger nach der Himmelfahrt Jesu gefangen waren, gesprengt.

Mit dem Pfingstfest sprudeln die Ideen, sprudelt die Energie, sprudelt das Leben. Das ist der Heilige Geist! Wo ist der Heilige Geist in meiner Welt, in meinem Leben, könnten Sie vielleicht fragen. Genau da – würde ich sagen: Genau da, wo Energie ist, wo unverhofft Kleines und Großes gelingt oder geschieht. Wo Wandel weiterführt, Fesseln gesprengt und Mauern übersprungen werden. Wo Bewegung zur Einheit führt. Wo jede zählt und jeder wichtig ist. Wo alle Talente zur Geltung kommen und sich entfalten dürfen. Wo in der Krise Hoffnung sichtbar wird und neue Gemeinschaft entsteht.

An diesem Pfingstfest wird noch manches anders sein als sonst. In der Corona-Krise sind wir durch Hygienebestimmungen und  Ausgangsbeschränkungen auf vielfache Weise voneinander getrennt. Und dennoch dürfen wir uns im Geist von Pfingsten miteinander verbunden und getragen wissen.

Der Geist weht, wo er will. Auch das ist Pfingsten. Gottes Geist ist gewaltig, lebendig, aber auch unfassbar und unplanbar. Er lässt sich nicht missbrauchen. Denn er weht, wo er will, und wird uns überraschen. Gebeten werden will er und gerufen. In unsere Welt, in unsere Leben, in Deine Wirklichkeit, in meine Sorgen hinein, mitten in eine große Krise unserer Zeit: Komm, Heiliger Geist! Veni sancte Spiritus!

Jesus in unserer Mitte: der Friede sei mit Euch – empfangt den Heiligen Geist! Das galt damals, das gilt heute! Das gilt für uns!

Wundervoller als in der Pfingstsequenz (aus dem 13. Jahrhundert) kann aus meiner Sicht der Heilige Geist nicht beschrieben werden. Besser kann er nicht herbei gerufen werden:

Komm herab, o Heil‘ger Geist,
der die finstre Nacht zerreißt,
strahle Licht in diese Welt.
Komm, der alle Armen liebt,
komm, der gute Gaben gibt,
komm, der jedes Herz erhellt.

Höchster Tröster in der Zeit,
Gast, der Herz und Sinn erfreut,
köstlich Labsal in der Not.
In der Unrast schenkst du Ruh,
hauchst in Hitze Kühlung zu,
spendest Trost in Leid und Tod.

Komm, o du glückselig Licht,
fülle Herz und Angesicht,
dring bis auf der Seele Grund.
Ohne dein lebendig Wehn
kann im Menschen nichts bestehn,
kann nichts heil sein noch gesund.

Was befleckt ist, wasche rein,
Dürrem gieße Leben ein,
heile du, wo Krankheit quält.
Wärme du, was kalt und hart,
löse, was in sich erstarrt,
lenke, was den Weg verfehlt.

Gib dem Volk, das dir vertraut,
das auf deine Hilfe baut,
deine Gaben zum Geleit.
Lass es in der Zeit bestehn,
deines Heils Vollendung sehn
und der Freuden Ewigkeit.
Amen. Halleluja.

Frohe Pfingsten!

Juliane Schaad, 29.05.2020

P.S. Inspiriert wurde dieser Text von den Lesungstexten des Pfingstsonntags. Zum Nachlesen: Apostelgeschichte 2,1–11, 1 Korinther 12,3b–7.12–13,Johannesevangelium 20,19–23

Trotzdem Ja zum Leben sagen

Während des Lockdowns ab Mitte März habe ich ein Buch von Viktor E. Frankl, dem Begründer der Logotherapie , gelesen. In diesem beschreibt er seine Zeit im Konzentrationslager. Trotz dieses schweren Themas ist sein Buch „Trotzdem Ja zum Leben sagen“ von einem optimistischen Ton getragen.

Auch wenn unsere Zeit nicht mit der Situation vergleichbar ist, die Frankl durchlebt hat, so bleiben mir doch seine Lehren, die er aus dieser Zeit gezogen hat und die ich mit Euch teilen möchte, im Gedächtnis. Ich finde, sie können für uns gute Orientierungspunkte sein, um durch diese Wochen und die Nach-Corona-Zeit zu kommen.

Hier nun ein paar seiner Erfahrungen/Gedanken:

  • Jeder Mensch hat in jeder Lage die Freiheit, sich zu den ihn umgebenden Verhältnissen so oder so einzustellen. Wichtig ist die innere Einstellung zu den Dingen.
  • Die geistige Freiheit des Menschen lässt ihn die Gelegenheit finden, sein Leben sinnvoll zu gestalten – auch im Leiden.
  • Wer keinen inneren Halt hat, lässt sich geistig und menschlich fallen und verfällt den äußeren Einflüssen. Wer einen inneren Halt hat, kann sich dagegen wehren.
  • Wer das Warum des eigenen Lebens und sein Lebensziel kennt, kann das Wie der gegenwärtigen Lage ertragen und ist ihr gewachsen.
  • „Leben heißt also: Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzelnen das Leben stellt und für die Erfüllung der Forderung der jeweiligen Stunde.“
  • Diese Forderung und damit der Sinn des Lebens ist von Mensch zu Mensch und von Augenblick zu Augenblick verschieden und jeweils sehr konkret.
  • Jeder Mensch steht mit seinem auch leidvollen Schicksal im ganzen Kosmos einmalig und einzigartig da. Darin wie er oder sie als Betroffene(r) das Leid trägt, liegt die einmalige Möglichkeit zu einer einzigartigen Leistung. Diese Sicht der Dinge kann vor Verzweiflung retten.

Soweit Frankls Gedanken.

Vielleicht können gerade dann, wenn wir in diesen Zeiten neu nach dem Sinn unseres Lebens und speziell dieser besonderen Wochen und Monate fragen, diese Impulse für unser Leben fruchtbar werden.

Ludger Fest, 23.05.2020